Jacobsen-Syndrom

Aus ROMSEWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Krankheitsbeschreibung

Das Jacobsen-Syndrom ist ein Syndrom mit multiplen kongenitalen Anomalien und geistiger Retardierung (ein sog. MCA/MR-Syndrom). Aus ätiologischer Sicht ist es ein Contiguous-gene-Syndrom mit heterozygotem Verlust vieler Gene durch partielle Deletion des langen Arms eines Chromosoms 11. Bisher wurden in der Literatur mehr als 200 Fälle beschrieben. Die Prävalenz bei Geburt wird auf 1:100.000 geschätzt, mit einem Geschlechtsverhältnis m:w von 2:1. Die häufigsten Symptome sind prä- und postnatal verzögertes Wachstum, psychomotorische Retardierung und charakteristische kraniofaziale Dysmorphien (Schädeldeformitäten, Ptose, Kolobom, antimongoloide Lidachsen, Epikanthus, breite Nasenwurzel, kurze Nase, V-förmiger Mund und kleine, tiefsitzende, nach hinten rotierte Ohren). Abnorme Plättchenfunktion, Thrombozytopenie oder Panzytopenie bestehen in der Regel schon bei Geburt. Meist haben die Patienten Fehlbildungen von Herz, Niere, Magendarmtrakt, Genitalien, Zentralnervensystem und Skelett. Möglich sind auch Anomalien der Augen, des Gehörs, des Immunsystems und des Endokriniums. Die Größe der Deletion reicht von ca. 7 bis 20 Mb. Der proximale Bruchpunkt liegt innerhalb oder telomerisch von 11q23.3, und die Deletion reicht in der Regel bis zum Telomer. In 85% der Fälle ist die Deletion neu entstanden, in 15% resultiert sie aus der unbalancierten Segregation einer familiären balancierten Translokation oder anderen Chromosomenumlagerungen. In einer Minderzahl von Fällen liegt der Bruchpunkt in der fragilen Stelle FRA11B. Die Diagnose ist auf das klinische Bild (intellektuelles Defizit, kraniofaziale Dysmorphien, Thromozytopenie) gestützt und wird durch zytogenetische Analyse bestätigt. Differentialdiagnosen sind Turner- und Noonan-Syndrom (s. diese Termini) und erworbene Thrombozytopenie bei Sepsis. Die vorgeburtliche Diagnostik der 11q-Deletion ist durch zytogenetische Analyse von Amnionzellen oder Chorionzotten möglich. Die Betreuung ist multidisziplinär (Pädiatrie, Kinderkardiologie, Neurologie, Ophthalmologie). Bei allen Patienten sollen Gehörtests, hämatologische, endokrinologische und immunologische Untersuchungen mit ggf. notwendigen Nachuntersuchungen durchgeführt werden. Die Herzfehler können schwerwiegend sein und schon in der Neonatalperiode eine Herzoperation erfordern. Bei Neugeborenen mit Jacobsen-Syndrom kann wegen Fütterproblemen eine Sondenernährung indiziert sein. Besondere Aufmerksamkeit erfordern hämatologische Probleme. Etwa 20% der Kinder versterben in den ersten beiden Lebensjahren, meist an den Folgen eines Herzfehlers, seltener durch Blutungen. Über die Lebenserwartung von Kindern, die Neugeborenen- und Säuglingszeit überleben, gibt es bisher keine Daten.
Quelle: Orphanet: an online rare disease and orphan drug data base. Copyright, INSERM 1997. Available on http://www.orpha.net. Accessed 22.04.2014

Orofaziale Manifestation

V-förmiger Mund, Thrombozytopenie!

Literatur

  • Van Hemel, J. O., Eussen, B., Wesby-van Swaay, E., Oostra, B. A.Molecular detection of a translocation (Y;11)(q11.2;q24) in a 45,X male with signs of Jacobsen syndrome.Hum. Genet. 88: 661-667, 1992. PMID 1551671
  • PMID 24192682
  • PMID 23815883

Weblinks